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Geologische Verhältnisse
von Christian Wolkersdorfer
Ehrwald liegt in einem geologisch besonders interessanten Gebiet. Zwischen
Sonnenspitze, Wetterstein und Daniel treffen drei Gesteinseinheiten aufeinander,
die im Verlauf der Gebirgsbildung übereinander gestapelt wurden.
Um die geologische Entwicklung zu verstehen, muss bei der Beschreibung
der geologischen Verhältnisse ein klein wenig über die Gemeindegrenzen
von Ehrwald hinaus geblickt werden. Gleichzeitig aber können die
Zusammenhänge oftmals nur angedeutet werden, um den Rahmen dieses
Heimatbuches nicht zu überschreiten.
Fast alle Gesteine um Ehrwald entstanden einstmals am Meeresboden und
bestehen aus Kalkstein und dessen Umwandlungsprodukt, dem Dolomitstein.
Daneben finden sich Sandsteine, Tonsteine, Hornsteine, Rauhwacken, vulkanische
Tuffe und das Tiefengestein Ehrwaldit (siehe eigenen Beitrag in diesem
Buch).
Im Verhältnis zum gesamten Alter der Erde, das etwa 4000 Millionen
Jahre umfasst, stammen die Gesteine in der Umgebung von Ehrwald im wesentlichen
aus zwei relativ kleinen Zeitfenstern. Eines davon begann vor etwa 250
Millionen Jahren und endete vor 130 Millionen Jahren (Erdmittelalter
mit den Erdzeitaltern Trias und Jura) während das andere die letzten
10.000 Jahren seit dem Ende der Würmeiszeit (Teil der Erdneuzeit)
umfasst. Ältere Gesteine gibt es um Ehrwald nirgends und die jüngeren
wurden seit der Alpenbildung vor ca. 35 Millionen Jahren von Wind, Wetter
und Wasser abgetragen. Dieser Gebirgsschutt sammelte sich zwischen Staffelsee
und Donau in einem bis zu 5 km tiefen Becken: dem Molassebecken.
Zunächst begann die geologische Geschichte Ehrwalds im tropischen
Klimabereich, am Rand eines ausgedehnten Flachmeeres, dem Tethysozean.
Dort lagerte sich anfänglich Material ab, das vom Land aus ins Meer
gespült wurde, bis dann die Meerwasseroberfläche anstieg und
kalkbildende Organismen ihre Besiedlung begannen. Von den alten, landnahen
Ablagerungen gibt es um Ehrwald keine Vorkommen, doch die ersten teilweise
noch von Landnähe zeugende Meeresablagerungen aus Kalksteinen, Dolomitsteinen,
Rauhwacken und Brekzien sind in einem schmalen Streifen zwischen Langlehn
und Igelskar aufgeschlossen (Reichenhall Schichten). Da sie relativ leicht
verwittern, bilden sie Scharten und Törle, wie die Biberwierer Scharte
oder das Tajatörl.
Im nächsten Zeitabschnitt entsteht eine mächtige Abfolge von
dunklen Kalksteinen, die beim Anschlagen oftmals leicht nach Bitumen
riechen und durch ihre unebenen, wursteligen Schichtoberflächen
auffallen: der Alpine Muschelkalk. In den Kalksteinen kommen unregelmäßig
ausgebildete, dunkelbraune bis schwarze Hornsteinknauern sowie grünliche
Tuffe vor, die auf nahe gelegene, dem Stromboli ähnelnde Vulkane
hindeuten. Diese Abfolge entstammt einem flachen, sauerstoffreichen Meeresbereich,
in dem Riffe und Becken miteinander abwechselten. Versteinerungen sind,
wie fast überall im Ehrwalder Gebiet, selten, wohingegen die Lebensspuren
von Meeresorganismen (Rhizocorallium) häufig sind, besonders in
der Umgebung der Wiener Neustädter Hütte. Weitere Gebiete mit
großen zusammenhängenden Gesteinen gibt es am Drachensee,
Vorderen Tajakopf, im hinteren Igels- und Brendlkar und am Ehrwalder
Köpfl. Von dort aus ziehen sie als gut erkennbare dunkle Gesteine
den gesamten unteren Bereich des Wettersteins entlang.
Zeitlich danach bildete sich die Partnach Schichten, die in Ehrwald als
dunkle Partie im unteren Bereich des Wettersteins zu sehen sind; besonders
schön jedoch in der Schwärze zwischen Marienbergspitzen und
Wampertem Schrofen.
Dann begann im flachen Meerwasser die Entwicklung des Riffs in dem kleine
Kalkalgen sowie Korallen lebten und die wichtigsten Gesteine Ehrwalds
aufbauten: den Wettersteinkalk. Deutlich hebt sich dieser meist hellweiße
und witterungsbeständige Kalkstein von den anderen Gesteinen ab
und bildet die markanten Gipfel des Mieminger und des Wetterstein Gebirges.
Sonnenspitze, Igelskopf oder die Zugspitze bestehen aus diesem Gestein.
Da der Wettersteinkalk nur wenige Pflanzennährstoffe enthält,
sind seine Schutthalden meist unbewachsen und charakterisieren so das
Landschaftsbild oberhalb der Baumgrenze. Eine Besonderheit im Wettersteinkalk
sind die silberhaltigen Blei- und Zinkerze, die im Mieminger Gebirge
und an der Silberleite bergmännisch gewonnen wurden.
Nach dem Ende der Riffentwicklung, macht sich erneut die Landnähe
bemerkbar und es folgt zunächst eine Serie von Sandsteinen und Schiefertonen
(Raibl Schichten) und dann graue und braune Dolomitsteine und Kalke,
die weite Bereiche der Thörlen, den Daniel oder den Grubigstein
aufbauen: der Hauptdolomit und Plattenkalk. Bei diesen gut gebankten
dunklen Gesteinen handelt es sich um Ablagerungen aus einem schlickigen
Flachmeer mit hohem Salzgehalt.
Noch blieb das flache Meer erhalten und es folgte eine Gesteinsserie,
die hauptsächlich aus dunklen Tonsteinen bestehen und in die verschiedentlich
fossilreiche Bänke zwischengeschaltet sind. Diese Kössen Schichten
kommen in Ehrwald-Obermoos und an den Issentalköpfen vor, wo sie
fruchtbare, tonig schlammige Böden bilden.
Mit diesen Gesteinen endet das Erdzeitalter der Trias und es beginnt
der Jura, dessen Ablagerungen in Ehrwald zwar an vielen Stellen vorkommen,
aber nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sie wurden im Lauf der Jahrmillionen
weitgehend abgetragen und sind nur an einigen geschützten Stellen
erhalten. Daher ist ihre Besprechung hier kurz gehalten.
Im Jura wechseln sich Flachwasserbereiche, in denen tonige Kalke (Allgäu
Schichten) entstanden, und Tiefseeregionen mit kieselsäurereichen
Ablagerungen (Radiolarite) ab. Gelegentlich lassen sich schön ausgebildete
Ammoniten (Ammonshorn) finden. Innerhalb dieser Ablagerungen kommt das
altersmäßig jüngere, schwarze Gestein vor, dessen Name
den Ort Ehrwald in alle bedeutenden Abhandlungen über Gesteine gebracht
hat: der 1866 von Adolf Pichler entdecke Ehrwaldit.
Extreme Kräfte, die bis heute wirken, begannen vor ca. 35 Millionen
Jahren die Gesteinseinheiten um einige hundert Kilometer nach Norden
zu drücken und sie aus dem Meer heraus zu heben. Diese Gebirgsbildung
riss die einstmals übereinander gelegenen Ablagerungen aus ihrem
Verband und faltete schließlich die Alpen auf.
Zu diesem Zeitpunkt lagen über dem heutigen Ehrwald noch einige
Kilometer Gestein und einige hundert Meter Wasser, sodass die Gesteine
darunter durch den Überlagerungsdruck beim Zusammenschieben nicht
auseinander brechen konnten, sondern sich in Falten legten oder übereinander
stapelten. Der Steilabfall vom Mieminger Gebirge ins Ehrwalder Becken
oder die Leutasch ist die Front eines solchen Stapels, der als Inntaldecke
bezeichnet wird. Eine Teil davon ist die Wettersteinteildecke und beide
zusammen liegen auf jüngeren Gesteinen der Lechtaldecke.
Im Ehrwalder Moos treffen die Bewegungsbahnen und Faltenachsen der Lechtaldecke
und Inntaldecke mit einer geologischen Schwächezone, der Loisachstörung,
zusammen. Dies hatte zur Folge, dass die Gesteine stärker zerstört
wurden als anderswo und sie somit leichter verwittern und vom Wasser
abgetragen werden konnten. Folglich ist das Ehrwalder Moos keine abgesunkene
Gebirgsscholle. Bei den relativ jungen Ablagerungen im bis zu 70 m tiefen
Moos handelt es sich überwiegend um Schotter, Kies, Lehm, Humus
und Torf, der bei Lermoos sogar einmal für die Blei-Zink-Hütte
der Gewerkschaft Silberleiten in Biberwier verwendet werden sollte.
Den letzten Schliff erhielten die Berge und Täler um Ehrwald in
der Würmeiszeit. Etwa 1000 Meter hoch stand das Eis des Loisachgletschers
in Ehrwald und nach dem Abtauen des Eises vor ca. 10.000 Jahren hinterließ der
Gletscher die typischen eiszeitlichen Geländeformen: die Moränen.
Besonders schön zu sehen sind diese im Lärchenwald, auf den
Thörlen (wo sogar Gesteine zu finden sind, die der Gletscher aus
dem Ötztal mitbrachte) oder zwischen dem Sonnenhang und Ehrwald-Hof.
Am Ende der Eiszeit bildeten die übrig bleibenden Eisreste in den
Bergen die typischen Kare, in denen die letzen Moränen der Gletscher
erhalten blieben. Seit dem hat sich das Landschaftsbild um Ehrwald nur
noch wenig verändert. Gelegentlich kommt es zu kleineren Gerölllawinen,
Felsstürzen oder Murabgängen. Wasser, Eis und Wind greifen
nach wie vor die Gesteine an, transportieren deren Schutt über die
Wildbäche ins Tal hinab und halten die Tatsache wach, dass die geologischen
Prozesse bis heute andauern.
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