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Geologische Verhältnisse um Nassereith
von Christian Wolkersdorfer
Einleitung
Wer heute von Obsteig oder Imst kommend
in Richtung Fernpaß fährt,
hat oftmals nur einen Blick für die majestätisch aufragende
Miemingerkette, den Tschirgant oder die Heiterwand übrig;
dem eilig sich fortbewegenden Kraftfahrer entgehen jedoch die Schätze,
die unsere Gebirge bergen. Erst eine kleine Pause in Nassereith
eröffnet dem naturinteressierten
Besucher die Zeichen längst vergangener Zeiten: Bergbauhalden
an den steilen Felsen und den Hochtälern in den Nördlichen
Kalkalpen um den ehemaligen Bergbauort Nassereith. Silber, Blei
und Zink bescherten
unseren Vorfahren sechs Jahrhundert lang Arbeit und Reichtum, aber
auch Schmerz und Leid.
Worin liegen die Gründe dieses Metallreichtums?
Welche Vorgänge
haben die Berge geformt, die wir heute vor uns sehen?
Über diese Fragen soll dieser Beitrag handeln: über die Gesteine der
Berge und über die Metalle, die wir darin vorfinden – oder für
den Fachmann: die geologisch-petrografischen und die lagerstättenkundlich-genetischen
Verhältnisse.
Die Gesteine der Berge – Geologische
Verhältnisse
Geologe, so nennt sich der Wissenschaftler,
der die erdgeschichtlichen Abläufe beschreibt und deutet. Mit Hammer, Lupe, Kompass und Feldbuch
ausgerüstet zieht er hinauf in die Felsen und hinab in die Bergwerke,
gibt den Gesteinen und Erzen Namen und beschreibt die Vorgänge der
Gebirgs- und Lagerstättenentstehung. Das Ergebnis von 150-jähriger
Forschung im Bereich des Mieminger Gebirges und der Lechtaler Alpen soll
Ihnen im Weiteren vorgestellt werden. Leider ist die Natur in der Umgebung
von Nassereith mit Versteinerungen und Kristallen sehr sparsam umgegangen,
so dass der Freund solcher Naturschätze sehr viel Geduld für
sein Hobby mitbringen muss. Nur gelegentlich findet der aufmerksame
Wanderer auf den Bergwerkshalden Kristalle oder Erzminerale.
In Bereich von Nassereith, nördlich der Linie, die uns der Inn vorgibt,
begegnen wir zahlreichen Gesteinseinheiten, die verschiedenen Erdzeitaltern
angehören und uns Zeugnis über die letzten 250 Millionen Jahre
der Erdgeschichte ablegen: der Trias, dem Jura, der Kreide und dem Quartär.
Dass wir gerade hier so viele unterschiedliche Gesteine antreffen, hat
zwei Gründe: die Überschiebung zweier bedeutender geologischer
Einheiten und unterschiedlicher Ablagerungsbedingungen zwischen dem
Festland und einem Algenriff.
Geografisch gesehen liegt Nassereith zwischen dem Mieminger Gebirge
im Osten und den Lechtaler Alpen im Westen. Trennlinie dieser beiden
Gebirge ist die Fernpaßfurche mit Loisach und Briglbach, die sich im Gurglbach
fortsetzt. Gleich zwei bedeutende Trennlinien finden sich in Nassereith:
einerseits die Loisachstörung und andererseits die Grenze zwischen
Inntaldecke und Lechtaldecke. Eine geologische Decke ist ein Gesteinspaket,
das durch gebirgsbildende Vorgänge bewegt und aus ein anderes Gesteinspaket
geschoben wurde. Dadurch kam die Inntaldecke über der Lechtaldecke
zu liegen, was zur Folge hat, das um Nassereith bereichsweise ältere
Gesteine über jüngeren liegen.
Die meisten Gesteine, aus denen Mieminger und Lechtaler Alpen
aufgebaut sind, lagerten sich auf dem Grund eines Ozeans
ab. Rest dieses Ozeans,
das ehemalige Tethysmeer, ist unser heutiges Mittelmeer. Als
sich die Gestein vor 100—250 Millionen Jahren bildeten, herrschte
ein
Klima, das etwa dem der Ostküste Australien entspricht.
Etwa zu dem Zeitpunkt, als die Dinosaurier ausstarben, also vor
rund 65 Millionen Jahren, schob
sich der damalige Afrikanische Kontinent nach Norden und formte
in einem bis heute andauernden Prozess die Alpen – folglich auch
die Gebirge um Nassereith.
Im Weiteren sollen die wichtigsten Gesteine, die stark vereinfacht
auf der geologischen Karte zu sehen sind, vom Ältesten zum Jüngsten
beschrieben werden:
Reichenhall Schichten (Anisium)
Typischerweise bestehen die Reichenhall Schichten aus dünnplattigen
Dolomitsteinen, dolomitischem Kalkstein und Rauhwacken mit zumeist braungrauen
Farben, die sich durch Verwitterung gelblich bis ockergelb verändern.
Beim Zerschlagen riecht das Gestein nach Bitumen. Die heute 100
bis 120 m dicken („mächtigen“) Gesteine entstanden
in einem flachen, salzreichen Schelfmeer abseits des Gesteinsschutt
liefernden
Grundgebirges.
Alpiner Muschelkalk (Anisium)
Der
Alpine Muschelkalk entstand in einem sehr seichten Meer und fällt
durch seine dunkelbraune Farbe und die gute Schichtung auf,
wie sie in St. Veith oder im Bereich Haverstock zu beobachten ist.
Eine
Eigenschaft,
die sie von den anderen Gesteinen im Umfeld Nassereiths abhebt,
sind die unebenen flaser-, knollen- und wurstelartigen Schichtungsoberflächen.
Solche Strukturen werden als Wühl- und Grabgänge
von Würmern
und Kleinkrebsen gedeutet und wittern oft aus dem Gestein heraus.
Im oberen Bereich des Alpinen Muschelkalks kommen zahlreiche
Hornsteine vor, die
aus Kieselschwämmen entstanden sind und früher beispielsweise
am Fuß des Wettersteingebirges als „Zundersteine“ zum
Feuermachen gebrochen wurden. Andere Versteinerungen neben
den Kieselschwämmen
belegen, dass diese Gesteine in tieferem Wasser abgelagert
worden sind.
Somit erkennen wir vom Ablagerungsbeginn
der Reichenhall Schichten bis zum Ende der Ablagerung des Alpinen
Muschelkalkes folgende allmähliche
Entwicklung: Anfangs ein übersalzenes Randmeer, das am Ende
zu einem normalsalzigen, tiefen Ozean wird.
Partnachschichten (Ladinium)
Dunkle, plattig-knollige Tonsteine und Kalke, wie sie in Dirstentritt
angetroffen wurden, gehören den Partnachschichten an, deren
Name sich von der Partnachklamm bei Garmisch-Partenkirchen ableitet.
Sie
wurden in einem
ca. 100 m tiefen Becken abgelagert, das dem Riff des Wettersteinkalks
vorgelagert war.
Wettersteinkalk (Ladinium-Karnium)
Auffallendstes Gestein sind die hellgrauen bis weißen Kalke des Wettersteinkalks,
die den weitaus größten Teil des namensgebenden Wettersteingebirges,
aber auch des Mieminger Gebirges und der Lechtaler Alpen aufbauen. Der
Wettersteinkalk erreicht eine Dicke von über 1000 m und ist fast durchwegs
gipfelbildend. Er ist dreigeteilt: unten massiger, hellbrauner bis weißer
Kalkstein aus dem Schuttbereich eines Algenriffs, darüber ein gut
geschichteter, bräunlicher Kalkstein und oben dünngeschichteter
Kalk- und Dolomitstein einer ehemals flachen Lagune.
Das Gestein baut sich zum überwiegenden Teil aus kleinen Algen und
größeren Schwämmen und Korallen auf. Somit zeugt der Wettersteinkalk
davon, dass er südlich seiner heutigen Lage, in einem heißen
tropischen bis subtropischen Bereich abgelagert wurde.
Fast alle Erzvorkommen finden sich, häufig schichtgebunden,
in diesem Gestein.
Raibler Schichten (Karnium)
Die 200 bis 250 m mächtigen Raibler Schichten bestehen zum Großteil
aus kalkigem Dolomitstein und fallen durch die ockerfarbene Verwitterung
auf, die zum einen auf Dolomit- zum anderen auf Pyritverwitterung zurückzuführen
ist. Es kommen dunkelschwarze, pyritreiche feingeschichtete Schiefertone
vor, bei denen es sich um Gesteine des Raibler Grenzlagers („Kiesschwarte“)
handelt. Teilweise bildet der Pyrit darin ein dichtes Netzwerk, das
Schrumpfungsrisse des Schiefertons durchsetzt.
Neben diesen Tonschiefern gibt es dunkle, griffelartig brechende
Mergel, sowie wenig Sandstein mit kalkigem Bindemittel und einen dunkelgrau
verwitternden Kalkstein. Sämtliche dieser Gesteine sind stark tektonisch zerstört,
wie die Auffahrung im Feigensteiner Anna-Stollen belegt.
Hauptdolomit (Norium)
Große Bereiche südlich des Mieminger Hauptkammes und im Heiterwandgebiet
bauen sich aus dem Hauptdolomit auf, der bis zu 1000 m dick werden kann.
Das frische, meist gut geschichtete und geklüftete Gestein hat hell-
bis dunkelgraue Farben, riecht beim Zerschlagen oft nach Bitumen und verwittert
braun, wobei sich nährstoffreiche Böden bilden. Es stellt den
Ablagerungsraum einer sehr seichten, salzreichen gezeitenbeeinflußten
Lagune dar, der schon sehr bald nach der Ablagerung dolomitisierte.
Plattenkalk (Norium)
Plattige bis dünnschichtige, seltener dickschichtige, graue bis dunkelgraue,
oft auch bräunliche Kalksteine sind kennzeichnend für den Plattenkalk.
Oftmals riecht das Gestein beim Zerschlagen nach Bitumen („Ölschiefer“).
Mitunter finden sich zwischengeschaltene Mergellagen, die einen nährstoffreichen
Boden liefern. Das Gestein entstand in seinen unteren Partien im
Gezeitenbereich, wohingegen die oberen Partien in tieferem Wasser
abgelagert wurden. Insgesamt wird der Plattenkalk 550 m dick.
Kössen Schichten (Rhätium)
In einem flachen Meeresbereich lagerten sich die blaugrauen, versteinerungsreichen
Kössen Schichten ab. Sie verwittern gelbbraun und können bis
zu 350 m dick werden. Die feingeschichteten Mergel sowie dickschichtigen
Mergelkalke waren ursprünglich im Bergbau St. Veith gut aufgeschlossen.
Aptychenschichten (Jura)
Hellgrüne Mergel mit dunklen, oft rötlichen Flecken, die ehemalige
Fress- und Wohnbauten von Meereslebewesen darstellen, sind charakteristisch
für die Aptychenschichten. Sie sind durch die Gebirgsbildung
stark beansprucht und eng gefaltet. Die Mergel, die in einem tiefen,
wenig bewegten Meeresbecken abgelagert wurden, sind wenigstens 300 m dick.
Sie sind beispielsweise im St. Veither Bismarck-Stollen anzutreffen.
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